Heischeisch
Anmeldedatum: 29.06.2006 Beiträge: 1 Wohnort: Idstein/Ts.
|
Verfasst am: 30.06.2006, 10:36 Titel: Was war / Was ist / Was wird (im Kontext von Schuldgefühlen) |
|
|
Hi,
ich bin Vater dreier Kinder (10, 6 und 4 Jahre alt). Mein 6-jähriger Sohn Julian, "hat" Mukoviszidose, bisher geht es ihm recht gut. Keine Ahnung, wie es einmal sein wird, aber wir geben uns Mühe
Da es ihm recht gut geht, will ich meine "gesparte Zeit" in die Selbsthilfe durch Hilfe stecken.
Ich wurde gebeten, untenstehenden Text, den ich woanders schon einmal hinterlassen hatte, mal hierher zu stellen. Dem Wunsch komme ich nun gern nach... bisschen dram rumfummeln musste ich doch noch mal, aber ok... er ist wahrscheinlich schlechter dadurch geworden, hihihi...
-Gedanken zu Schuldgefühlen (die Smileys sind klasse hier, Stefan!)
in gewisser Hinsicht ist der Umgang mit Mukoviszidose Krisenmanagement, in dem es um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geht.
Aufgrund der bisher unabwendbaren Tatsache, dass die Folgeerkrankungen der CF zu einer Abnahme von klinischen Parametern und selbstwahrgenommener Lebensqualität führen, ergeben sich grundlegende Probleme, von denen ich hier einen Aspekt mal ansprechen möchte.
Nicht zuletzt tue ich das, weil ich glaube, dass daher auch die Konfliktnahrung stammt, die uns auf deutschsprachigen (ein besonderes "Kuriosum") Listen/Foren immer wieder begegnet.
Dieser Aspekt, ja das Hauptproblem ist für mich: Einschränkung der Möglichkeiten durch Schuldgefühle!
Aus der banalen Tatsache heraus, dass wir unseren gegenwärtigen Zustand als eine Folge der in der Vergangenheit stattfindenden Ereignisse betrachten können, stellt sich automatisch die Frage, warum der Zustand so ist...
Die Abwärtsentwicklung kann nur aus drei Richtungen herbeigeführt werden:
1. der bisher definitiv unabwendbare Teil der CF, weil einfach noch nicht mehr Informationen und Verfahren existierten
2. der bisher theoretisch abwendbare Teil, wenn einem selbst gewisse Informationen vorgelegen hätten, was sie aber nicht taten
3. der bisher definitiv abwendbare Teil, der auf unseren Fehlern beruhte, man also Informationen hatte, diese aber nicht umsetzte
Beispiele für 1.: ("Schuld"faktor 0)
Pulmozyme gibt es erst seit ein paar Jahren. Pulverinhalierbare Antibiotika kommen erst noch. PA-Impfung kommt erst noch. Impfung gegen Staph. aureus ist gar nicht in Sicht usw.
Beispiel für 2.: ("Schuld"faktor 1)
"Nebelzelte mit Gruppenhusten" hätten sicherlich schon früher abgeschafft werden können. Sport als wichtige Möglichkeit wurde von Ambulanzen häufig zu nachlässig kommuniziert. Es brauchte eine Zeit, bis sich herumsprach, dass fettarme Ernährung keine gute Idee ist.
Beispiele für 3.: ("Schuld"faktor 2)
Therapieunlust durch Resignation. Ignorieren oder Nichtverstehen von Informationen. Einigeln. Alleinkämpfen.
Es gibt sicherlich viel bessere Beispiele, darum geht's mir nicht im Einzelnen.
Entscheidend ist eher die Frage: wie geht es jetzt weiter?
Sehe ich es als meine Schuld an, wenn ich heute mit Informationen konfrontiert werde, die o.g. "Schuld"faktoren erhöhen? So in der Art: "Schuldfaktor 22", weil ich dies und das bisher nicht gemacht habe, obwohl.... blablabla"...? Ab in der Knast?
Und hier sage ich: nein, es gibt diese "Schuld" gar nicht, "Schuld" ist eine gefährliche, lähmende Fiktion, eine Scheinvorstellung. "Schuld" existiert für mich nicht, weil sie einfach nichts Sinnvolles, Konstruktives enthält. Zwar gibt es im Rechtsdeutsch den Begriff Schuld, um Strafe zu begründen. Aber vor allem die biblische "Schuld" ist es, die uns in unserem Leben so schwach machen kann und vielleicht den Sinn hatte, unsere Vorfahren unterwerfbar zu machen, das Kreuz zu tragen.
Nun, wie soll ich denn meiner "Schuld" in diesem Sinne begegnen? Kann ich "Schuld" beseitigen? Nein! Höchstens "sühnen", "büßen" usw.
"Schuld" betoniert mich geradezu fest. An Schuld kann ich so schwach werden, dass ich vergesse, was mich viel weiterbringen würde: Verantwortung übernehmen!
Wenn ich Verantwortung (im Sinne von Antwort geben können) für etwas übernehme, ist das sehr gegenwarts- und zukunftsbezogen, es ist das Anerkennen des So-Seins. "Schuld" hingegen schaut zurück. Es ist mit Hadern mit dem Schicksal verknüpft: "waaaarum ist das bloß alles so, wie es ist!"... "Schuld" ist auch mit Leid verknüpft, mithin geradezu körperlich spürbar. Aber nicht nur Rückenschmerzen durch "Kreuz"-Tragen... Schuld macht für sich genommen schon krank! Schuld ist das NICHT-Anerkennen des So-Seins!
Wie soll ich aber herausfinden, wo ich stehe, wenn ich zurückschaue, hadere, nicht anerkenne, dass die Dinge sind, wie sie sind? Wenn ich meinen nächsten kleinen Schritt gehen will, muss ich wissen, wo ich jetzt stehe! In diesem Bild bleibend falle ich sonst. Jetzt stelle ich fest: "Es ist, wie es ist! Warum es so ist, spielt keine Rolle!"; die "Gründe" interessieren nicht! Wen ich diesen Platz genau einnehme, dann übernehme ich Verantwortung; und dann kann ich überlegen, und das kann schon schwierig genug sein, was der nächste Schritt ist oder sein soll. Das ist doch eher die Voraussetzung für funktionierendes Krisenmanagement.
Warum schreibe ich das? Weil ich aus vielen Beiträgen in Listen und Foren den Eindruck gewonnen habe, dass einige Menschen mit Mukoviszidose sich mit Schuldgefühlen herumschlagen. Ich will das nicht psychologisieren, wer es dennoch glaubt, hat hoffentlich bereits aufgehört, weiterzulesen.
Schuldgefühle sind gut versteckt. Ich muss nicht das Gefühl von Schuld direkt spüren, es existiert fast immer im Unbewussten. Wenn es so ist, dann setze ich vielleicht jeden Beitrag in einem Forum o.ä. erst einmal in Beziehung zu meinen Schuldgefühlen, aber ich bemerke das nicht einmal! Es ist wie ein Filter, durch den ich das Geschriebene wahrnehme. Sehe ich im Geschriebenen Angriffe, entsteht sofort Aggression, die sich aus Schuldgefühlen nährt, denn, wenn ich frei von Schuldgefühlen wäre, würde ich mich gar nicht angreifbar fühlen. Dann würde ich mich nicht "angesprochen" fühlen und müsste auch nicht so re-agieren.
Auch, wenn das Geschriebene keine offensichtlichen Angriffe enthält, sorgt der "Als-Schuld-erklär"-Filter dennoch dafür, es so zu verstehen. Da liegt wahrscheinlich der Hauptgrund für Gegenangriffe, die dann reflexartig folgen und meistens zur sofortigen "Erleichterung" führen. Schuldgefühle belasten einen ja ständig, obwohl man sie nur selten bewusst wahrnimmt. Das ruft nach Entlastung, die bekommt man, aber nur vorübergehend, durch Wutentladung, also Aggression...
Das wäre mir ja alles einerlei, wenn dabei nicht soviel auf der Strecke bliebe. Wir können uns manchmal kaum mehr "hören", weil wir alles filtern. Es gelingt uns nicht, nur das aus den Beiträgen herauszuholen, was vielleicht für uns nützlich sein könnte. Wir sind so mit dem "Vergleichen" beschäftigt, dass wir überall einen Affront gegen unsere jetzige Position im Leben annehmen. Es gelingt uns nicht, partnerschaftlich kozuexistieren, unsere Beiträge aus einem gemeinsamen Anliegen heraus zu betrachten.
Was tun? Vielleicht hilft es, sich mal in aller Ruhe (Zeit nehmen!) den inneren Beobachter zu aktivieren?... Also mal aus sich etwas heraustreten, und schauen, was man warum eigentlich denkt, fühlt, handelt, sagt usw. Es bedarf etwas, manchmal auch sehr viel Übung, aber mit der Zeit wird jedem da was gelingen. Es ist ein großer Unterschied "wütend zu sein" oder ob ich feststelle, dass ich wütend werde... ein erster wichtiger Schritt! Man muss nicht zum Psychologen gehen, aber auch ein solcher Besuch (Besuchsreihe) mag sehr hilfreich sein (für einen ganz allein selbst!).
Jedenfalls bin ich mir aus eigener Erfahrung sicher, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Gesundheitszustand und Schuldgefühlen. Natürlich nicht, dass ein schlechter Gesundheitszustand auf Schuldgefühle zurückzuführen sei (sowas denkt jetzt nur "Filter"-Mensch ;-) ), sondern dass fortwährende Schuldgefühle das Immunsystem schwächen und vor allem die Handlungsfähigkeit massiv beeinträchtigen. Und das sind Dinge, die wir beim CF-Krisenmanagement nicht gebrauchen können... Wir können diese Probleme nicht unbedingt immer beseitigen, aber ein Umgehen damit ist immer möglich!
Liebe Grüße
Roland _________________ Everything should be made as simple as possible, but not simpler (A. Einstein?) |
|