Rote Kastanie - Aesculus carnea
PRAKTISCHE EINSATZMÖGLICHKEITEN UND WIRKUNG VON RED CHESTNUT
Bei welchen Problemen kann Red Chestnut eingesetzt werden?
- Übertriebene oder krank machende Sorgen, die man sich um andere macht.
- Angst um andere Menschen.
- Übertriebenes oder krank machendes Mitleid.
- Körperlich: evtl. bei Atem- und Herzbeschwerden, Sehstörungen, Schlafstörungen, Wirbelsäulenbeschwerden (schlechte Haltung), Lymphdrüsenerkrankung.
Wie verhält man sich, wenn man Red Chestnut braucht?
(Die folgenden Aussagen müssen nicht alle zutreffen. Für die Behandlung von Kindern tauschen Sie "man" gegen "das Kind" bzw. "es" aus.)
Zum Beispiel:
- Man macht sich - momentan oder dauernd - sehr viele Sorgen um einen anderen Menschen.
- Man leidet - momentan oder dauernd - sehr darunter, dass oder wenn es jemandem schlecht geht.
- Man ist allgemein übertrieben mitleidig.
- Es fällt einem ausgesprochen schwer, einen lieben Menschen vertrauensvoll seinem Schicksal zu überlassen.
- Man geht anderen Menschen durch dauerndes Sichsorgen oder Bemitleiden auf die Nerven.
- Man lässt sich zu sehr in das Leiden anderer Menschen hineinziehen.
- Man ist durch Sorge oder Mitleid krank geworden.
Wie reagiert man auf eine Krankheit?
- Man macht sich im Zusammenhang mit der Krankheit mehr Sorgen um andere als um sich selbst.
- Man sorgt sich, obwohl man krank ist, mehr um andere als um sich selbst.
Welche Wirkung ist zu erwarten?
Zum Beispiel:
- Man sorgt sich nicht mehr so sehr und kann andere besser ihrem Schicksal überlassen.
- Man bekommt mehr Abstand zum Leiden anderer Menschen, so dass man stabil bleibt und besser helfen kann.
- Man findet zu einem natürlicheren Gleichgewicht zwischen Selbstlosigkeit (Altruismus) und Eigennutz (Egoismus).
DIE PSYCHOLOGIE DER RED CHESTNUT-STÖRUNG
Jedes Bach-Mittel kann entweder kurzfristig zur Überwindung akuter psychischer Störungen oder langfristig zur Persönlichkeitsentwicklung, Charakterverbesserung und Lebenssanierung eingesetzt werden. Dabei werden psychische Anlagen, die sich negativ bzw. neurotisch entwickelt haben, oder Reaktionsweisen, die eine krankhafte Form angenommen haben, wieder ganz oder teilweise in ihren ursprünglich positiven und harmonischen Zustand zurückgeführt.
Die Red-Chestnut-Anlage macht introvertiert, altruistisch, empfindsam und mitfühlend.
Menschen, bei denen sie sich harmonisch entwickelt, haben ein Herz für andere. Während sie selbst niemanden mit ihren Wünschen oder Nöten belästigen, kümmern sie sich gern um das Wohl ihrer Mitmenschen. Sie nehmen mitfühlend an deren Leben teil, sind für sie da, wenn sie gebraucht werden, und geben ihnen das tröstliche Gefühl, nicht allein auf der Welt zu sein. In schwierigen Zeiten vergeuden sie ihre Kraft nicht mit nutzloser Sorge, sondern helfen selbstverständlich und tatkräftig, wo sie können.
Dabei hüten sie sich aber davor, andere von sich abhängig zu machen oder an sich zu binden, und lassen sie - besonders ihre Kinder - ihr eigenes Leben führen. Sie belasten keinen Menschen durch negative Erwartungen und entziehen ihm nicht ihr Wohlwollen, wenn er nicht ihren Vorstellungen entspricht.
Wenn sie jemandem nicht helfen können (- wofür sie einen klaren Blick haben), sind sie in der Lage, ihn vertrauensvoll seinem Schicksal zu überlassen. Denn sie besitzen genügend Lebensweisheit, um zu wissen, dass kein Mensch aus der "göttlichen" Ordnung herausfallen kann. Letztlich kann ja nichts wirklich Schlimmes passieren, da jedes Schicksal einen höheren und "Heil bringenden" (wenn auch für uns oft unbegreiflichen) Sinn in sich trägt.
Unter ungünstigen Umständen - das heißt, wenn sein Vertrauen in das Schicksal zu sehr erschüttert wird - kann der Red-Chestnut-Mensch eine pessimistische, ängstliche Lebenshaltung entwickeln, unter deren Einfluss er dazu neigt, von der Zukunft immer nur irgend welches Unheil zu erwarten.
Diese negativen Erwartungen bezieht er allerdings weniger auf sich selbst als vielmehr auf Menschen, die ihm nahe stehen. So macht er sich in übertriebenem Ausmaß und schon bei geringfügigen Anlässen Sorgen um sie, wobei er dazu neigt, sein eigenes Wohl zu vernachlässigen.
Manchmal hat man sogar den Eindruck, dass Menschen mit der Red-Chestnut-Störung geradezu süchtig nach Sorgen sind. Jedenfalls finden sie immer wieder jemanden, unter dessen meist noch gar nicht eingetretenem Unglück sie leiden können. Obwohl sie ihr Verhalten oft sogar selbst als krankhaft empfinden, können sie es nicht aufgeben.
Ein typisches Beispiel hierfür sind jene Mütter, die in ständiger, überwiegend unbegründeter Sorge und Angst um ihre Kinder leben. Zwar hat solch eine "sorgende Selbstlosigkeit" meist einen realen Hintergrund, dennoch ist sie, wenn sie übertrieben wird, krankhaft, nutzlos und Leid erzeugend. Das empfinden nicht nur die umsorgten "Opfer", die sich belastet und belästigt fühlen, sondern man sieht es den Red-Chestnut-Menschen auch an: am gequälten Gesichtsausdruck, an der inneren Spannung, an der Unfähigkeit sich einer Freude hinzugeben, an den Unruhezuständen, an der Schlaflosigkeit, der Angst, der Niedergeschlagenheit.
Zusätzliche psychologisch-therapeutische Anmerkungen
Der Red-Chestnut-Mensch ist von Natur aus empfindlich und besitzt eine rege Phantasie. Daraus kann sich unter dem Einfluss unerfreulicher Erlebnisse seine typische ängstliche Erwartungshaltung entwickeln, die er in Form von Sorge auf andere Menschen überträgt.
Jeder Sorge liegt ein positives menschliches Element zugrunde: die gefühlsmäßige Anteilnahme am Schicksal des Mitmenschen und zugleich der Wunsch, dass es ihm gut gehe. Unter gesunden, natürlichen Umständen bedeutet das, dass man für jemanden sorgt, während man unter krankhaften Bedingungen sich um ihn sorgt.
Im ersten Falle unterstützt man ihn tatkräftig und steht ihm in der Not bei, soweit man kann. Dabei beachtet man aber seine eigenen Möglichkeiten und Grenzen und hütet sich davor, sich von der fremden Problematik anstecken und krank machen zu lassen. Denn wenn sich das menschenfreundliche Mitfühlen in hilfloses Mitleiden verwandelt, verdoppelt sich das Leid und verringert sich die Aussicht auf Besserung. Um wirksam helfen zu können, darf man selbst nicht hilfebedürftig oder leidend sein.
Im zweiten Fall projiziert man - natürlich unbewusst - erlebtes, eigenes Leiden und eigene Angst auf das Schicksal eines anderen Menschen, das man sich zu diesem Zweck negativ ausmalt, das heißt: Man sorgt sich um ihn.
Diese Form der Sorge ist nutz- und sinnlos, weil sie keine verbessernden Konsequenzen, keine tatkräftige Hilfe, keine Überwindung von Leid mit sich bringt. Sie hat hauptsächlich die Funktion, dem eigenen Leid und Selbstmitleid einen Abfluss zu verschaffen und möglicherweise die peinliche Auseinandersetzung mit der eigenen Lebenslüge zu verhindern: Man braucht sich nicht zu fragen, warum man selbst leidet, was man in seinem eigenen Leben ändern müsste, warum man so viel Negatives von der Zukunft erwartet ..., sondern kann sein negatives Lebensgefühl sozusagen auf fremdem Terrain ausleben.
Wenn man sich um jemanden Sorgen macht, lebt man seinen eigenen Pessimismus aus, von dem man dadurch einen gewissen Abstand gewinnt. Statt sich bewusst zu werden, dass man im Grunde nur unter seiner eigenen Ängstlichkeit leidet, meint man, es gehe einem um das Wohl des anderen. So bestätigt sich wieder einmal: Krankhaftes kann nur Krankheit erzeugen.
Die eindeutig krankhafte, ängstlich-pessimistische Einstellung des Red-Chestnut-Menschen erzeugt selbst wieder Angst und Pessimismus in Form von Sorge. Dies genau zu diagnostizieren ist aber deshalb schwierig, weil es als moralisch hoch stehend gilt, sich Sorge um andere zu machen. Wer könnte schon zugeben, dass seine anscheinend selbstlose Sorge nur ein Ausdruck der eigenen Lebensangst ist und eine Ablenkung von ihr bedeutet?
Das Kernproblem in der Red-Chestnut-Haltung besteht darin, dass eine grundsätzliche Lebenswahrheit ignoriert wird. Es ist die täglich zu erfahrende Tatsache, dass es uns nicht gegeben ist, das Geheimnis unseres Lebens zu begreifen, und dass wir außerstande sind, unser Schicksal richtig zu beurteilen. Unsere Vorstellungen von "gut" und "böse" sind dafür ungeeignet, weil sie zu sehr an vordergründigem Vorteilsdenken orientiert und lediglich Ausdruck unserer beschränkten Einsicht sind.
Das gilt vor allem für unsere Zukunftserwartungen: Wie oft hat jeder schon erlebt, dass sich momentan katastrophal erscheinende Umstände später als segensreich entpuppt haben! Wie selten ist uns dann aber bewusst gewesen, dass sich darin das Wirken einer geheimnisvollen Macht, Ordnung oder Wesenheit offenbart, die offensichtlich besser als wir weiß, was gut für uns ist.
Ein weiteres Problem müssen wir in diesem Zusammenhang betrachten: die Tatsache, dass der unbewusste "Durchschnittschrist" oft ein schlechtes Gewissen bekommt, wenn es ihm - im Gegensatz zu anderen - gut geht. Er sucht dann sofort schuldbewusst nach einer Möglichkeit, dafür zu büßen, und verdirbt sich seine eigene Lebensfreude mit dem bitteren Gift fremden Leidens. Absurderweise meint er dabei, es sei in der Welt besser bestellt, wenn er mit den anderen mitleide, nach dem Motto: Geteiltes Leid ist halbes Leid. In Wirklichkeit aber bedeutet geteiltes Leid auch doppeltes Leid, weil dabei ja zwei Menschen leiden.
Das Fatale daran ist, dass hier ein durchaus richtiges Prinzip missbraucht wird. Natürlich ist es schön und menschlich wertvoll, Freude in die Welt zu bringen beziehungsweise Leid zu verringern. Doch dies kann niemand dadurch erreichen, dass er sich selbst dem Leid aussetzt und mitleidet. Im Gegenteil: Er fügt dem Leiden der anderen sein eigenes, freiwillig übernommenes hinzu (statt dafür sorgen, dass es anderen genauso gut geht). Ihm ist die fundamentale Erkenntnis verloren gegangen, dass nur aus der Freude auch wieder Freude entstehen kann und er nur dann, wenn er selbst froh ist, auch andere Menschen froh machen kann. So verfolgt er etwas Richtiges auf dem falschen Weg und vermehrt das Leiden in der Welt.
Ob wir etwas Gutes erhoffen oder etwas Schlechtes befürchten - auf die Zukunft hat dies keinen Einfluss, denn "es kommt, wie es kommen muss". Dagegen - und das ist das Entscheidende daran - wird die Gegenwart, in der allein wir fühlen und leiden, davon erheblich beeinflusst.
So können wir bis zu einem gewissen Grad selbst bestimmen, ob freudige oder leidvolle Gefühle in uns vorherrschen. Zwar lässt sich nicht jedes Leiden vermeiden, gewiss aber jenes, das wir selbst aus pessimistischer Erwartung und Schicksalsnegativität selbst erzeugen; dazu gehört auch die negative, nutzlose Sorge.
Sie beruht beim Menschen im Red-Chestnut-Zustand nicht nur auf mangelndem Vertrauen in das Schicksal oder in "Gott", sondern auch auf einer Unehrlichkeit sich selbst gegenüber. Er schreckt davor zurück, sich die Wahrheit über sein eigenes Verhalten einzugestehen: dass er sein Leben nicht richtig lebt; dass er sich die Ängste, unter denen er leidet, selbst gemacht hat; dass er seine "Opfer" - vor allem seine Kinder - damit belästigt und belastet und in ihr Leben eingreift.
Die Lösung für sein Problem liegt bei ihm selbst. Es geht für ihn nicht darum, sich durch vernünftige Überlegungen davon zu überzeugen, dass eine bestimmte Sorge unbegründet ist, sondern eine neue Lebenshaltung zu finden - das heißt: Vertrauen in das Leben, das Schicksal oder in "Gott" zu suchen.
Er sollte wieder zu sehen lernen, dass sein Leben im Grunde eine ununterbrochene Kette von positiven, weil menschlich reif machenden Ereignissen ist - selbst wenn es mitunter wehtut. Er sollte sich in seine Sorgen und negativen Erwartungen unabgesichert hineinfallen lassen und sie bewusst durchleben, um erkennen zu können, wie unbegründet und lächerlich sie sind. Und er sollte sich angewöhnen zu sagen: Es wird schon gut gehen!
RED CHESTNUT UND DIE ANDEREN BACH-MITTEL
Häufige Kombinationen
Wenn zwei Mittel kombiniert werden, entsteht ein neues Mittel, dessen Wirkung entweder in einer gegenseitigen Verstärkung beider Komponenten besteht oder darauf beruht, dass eine Kausalkette, in der ein Problem das andere hervorruft, mit den entsprechenden Mitteln aufgelöst wird.
+ Agrimony: wenn man sich viele Sorgen um andere macht, dies aber nicht zugeben oder zeigen will.
+ Aspen: wenn man von ängstlichen Sorgen um andere gequält wird, die man nicht begründen kann.
+ Centaury: wenn man übertrieben selbstlos und mitleidig ist.
+ Cherry Plum: wenn man sich extreme Sorgen um andere macht oder unter sehr starkem Mitleid leidet.
+ Chicory: wenn man - in einer seltsamen Mischung aus Egoismus und selbstloser Sorge - dazu neigt, sich übertrieben für andere Menschen aufzuopfern.
+ Impatiens: wenn man aus Sorge um jemanden sehr unruhig und nervös ist.
+ Mimulus: wenn man sich viele Sorgen um andere Menschen macht, weil man von Natur aus ängstlich ist.
+ Mustard: wenn man aufgrund von Sorgen um andere depressiv geworden ist.
+ Olive: wenn man sich, weil man sehr erschöpft ist, viele Sorgen um andere macht. Oder wenn von den Sorgen, die man sich um andere gemacht hat, sehr erschöpft ist.
+ Pine: wenn man sich aus moralischen Gründen Sorgen um andere macht. Oder wenn man es nicht wagt, sich gegen krank machendes Mitleid zu wehren, weil man dies für unmoralisch hält.
+ Rock Rose: wenn man aus Sorge um jemanden in panische Angst geraten ist.
+ Star of Bethlehem: wenn man sich aufgrund schlechter Erfahrungen zu viele Sorgen um jemanden macht.
+ White Chestnut: wenn man sich sehr viele Sorgen um andere macht und deshalb an nichts anderes mehr denken kann. Oder wenn man vor lauter Mitleid keinen klaren Gedanken mehr fassen kann.
Mittel mit ähnlicher Symptomatik
Aspen: Ähnlich ist eine ängstliche Vorahnung. Bei Aspen ist sie allgemein und nicht begründbar, während sie sich bei Red Chestnut auf einen anderen Menschen bezieht.
Centaury: Ähnlich ist die Selbstlosigkeit, die sich bei Centaury darin äußert, dass man in eine übertrieben dienende Haltung geht, die aber bei Red Chestnut darin besteht, dass man sich Sorgen um andere macht, ohne an das eigene Wohlergehen zu denken.
Chicory: Ähnlich ist, dass man sich sehr für das Wohlergehen anderer interessiert. Bei Chicory äußert sich dies in übertriebener (aktiver) Fürsorge und bei Red Chestnut in übertriebener (passiver) Sorge. Außerdem erwartet der Chicory-Mensch meist irgendeinen Dank, wohingegen die Sorge bei Red Chestnut ganz selbstlos ist.
Mimulus: Ähnlich ist die Angst. Bei Mimulus kann sie sich auf alles beziehen, während man bei Red Chestnut befürchtet, dass einem anderen etwas zustoßen könnte.
Rock Rose: Ähnlich kann eine panische Angst sein, die sich bei Rock Rose auf alles Mögliche beziehen kann, die bei Red Chestnut dagegen im Zusammenhang mit etwas steht, das einem anderen zustoßen könnte.
Walnut: Ähnlich ist die Unfähigkeit, sich genügend abzugrenzen. Bei Red Chestnut bezieht sich dies auf das Leid anderer Menschen, so dass man mitleidend hineingezogen wird, während man bei Walnut generell zu offen gegen alle Arten fremder Einflüsse ist und sich leicht vom eigenen Weg abbringen lässt.
|